Regen hatte für mich immer etwas faszinierendes. Ihn auf meiner Haut zu spüren , in meinem Gesicht, die Wasserperlen die leise klopfen und sagen , vermisch dich mit den Tränen.
Oft durfte ich nicht raus , wenn es regnete , doch im Sommer wenn mein Vetter da war , war einiges ausser Kraft gesetzt. Es waren die Zeiten in denen ich Kind und glücklich war. Mein Vetter kam recht gut mit mir verträumten klar, ich weiß nicht wie er so manches von meinen schrägen Gedanken hin nahm zumal er 4 Jahre jünger war, aber er war wie mein Bruder.
Im Sommer legten wir uns oft hinter dem Haus ins Gras , schauten den Wolken zu und überlegten wann sie anfangen würden zu tropfen, pusteten und freuten uns wenn wir den Eindruck hatten sie würden weiter wehen.
Er hatte eines Tages einen Anflug von Gewalt mitbekommen und wollte sofort seine Ma anrufen. Mutti muß sowas wie Panik gehabt haben, denn normalerweise erlaubte sie ihm so ziemlich alles, aber er durfte nicht telefonieren. Dennoch gelang es ihm heimlich. Nie wieder danach war in den Sommern wenn er da war Prügel ein Thema gewesen.
Er nahm mich danach in die Arme und sagte „Weine nicht, sei stark“ , wir zwei sind doch Indianer und kennen keinen Schmerz. Wir verkleideten uns, bemalten uns mit Zahnpasta und Dreck und jaulten den ganzen Tag durch die Gegend, entfachten Feuer in dem leeren Grundstück wo wir uns oft aufhielten und spielten heile Familie.
Am späten Nachmittag regnete es aber wir wollten nicht rein. Wir beschlossen dass wir nun einen Regentanz aufführen wollten und hopsten wie wild um das Feuer und den Regen. Ich habe den ganzen Nachmittag geweint , nein nicht weil die Prügel weh getan hat, sondern weil ich genau wußte er teilt meinen Schmerz und machte es mir leichter es zu ertragen. Es war seine Art mich zu entführen , dort wo es nicht so weh tat.
In den Wochen darauf schaute er Ma nur an , wenn er den Eindruck hatte , sie würde ausklinken. Er hatte seine eigene Art und sie wußte genau er würde auf einen Anruf bestehen. Ich habe seine Kraft bewundert, gesehen wie man sich wehren konnte, doch mir war dieses Anrufen irgendwo hin verwehrt.
Dennoch habe ich auch in den folgenden Jahren oft in meinem Kopf gehört „Weine nicht, wir sind doch Indianer“.
In den Sommern in denen wir in der Eifel waren , sind wir oft bei Wind und Wetter durch die Wälder gestromert. Es gibt nichts schöneres wie das Rauschen und leise prasseln des Regens durch die Baumwipfel. Zu erahnen dass dort draussen ausserhalb des Waldes ein heftiger Regen und Sturm seine Wirkung zeigt. Innerhalb des Waldes war es auch sicherlich aber abgeschwächt. Nur wenn man zu einem Berg und einer Lichtung kam spürte man auch die Kälte und die Intensität des Regens.
Ich bin diesen Sommer mit den Zwillingen zurückgekehrt zu den geschützten Orten meiner Kindheit, habe ihnen einiges gezeigt. Sie wußten nichts von meinen Erinnerungen und dennoch haben sie mich sehr glücklich gemacht. Jede einzelne Nische auf dem Weg zum Berg haben sie begutachtet, meine Erzählungen lauschten sie ganz gespannt. Amüsierten sich bei den Gedanken dass ich den Weg oft mit einem Buch gegangen bin , schauten sich die Orte an , an denen ich gesessen und gelesen habe.
Sie wollten unbedingt wieder dorthin mit einem Fotoapparat. Oft an diesem Tag umarmten sie mich , ertrugen den Regen sogar mit einer gewissen Freude , hörten wie ich in der Kindheit das Rauschen und die Geräusche des Waldes, freuten sich über die kleinen Sonnenstrahlen die zwischendurch durch die Bäume schimmerten.
Sie nahmen nicht den einfachen Weg , sondern den beschwerlichen , bestanden auf krackseln und rutschen und Anstrengung. Sie trieben mich voran und wenn ich das Gefühl hatte ich bin aus der Puste, neckten sie und ermuterten sie. Wenn wir dachten , der Weg würde enden , versuchten sie sich zu orientieren und fanden ihren und unseren Weg.
Es war das Einläuten der Vergangenheitsbewältigung , der Start in einem neuen Weg. Der erste Schritt war sehr beschwerlich , doch er wird allmählich leichter. Wir standen dann auf einem dieser Felsen , auf den Felsen auf denen ich stundenlang gestanden habe mit der Frage springe ich , schwebe ich oder gehe ich zurück , zurück nach unten zurück ins Tal.
Ich wollte auf keinen Fall dass sie sich so weit vortrauten, hatte regelrecht Panik , aber wie immer waren meine beiden mutig , kletterten auf allen vieren ziemlich nach vorne und waren begeistert von der Aussicht.
Sie sahen das große lange Tal vor uns , den Nebel auf der anderen Seite und die Baumwipfel die wie kleine Streichhölzer aussahen. Seitlich konnte man ohne Probleme abspringen, ohne das etwas geschah. Ich wußte es nicht mehr und mir blieb das Herz stehen als der Kleine sagte „Mama , ich springe“ . Die beiden lachten herzhaft , als ich rief lass es. Immer wieder kletterten sie rauf und sprangen, so lange bis ich nur noch lächelte und sagte „Jetzt ist genug“.
Ich bewundere meine Monster und hoffe dass sie sich trotz der schweren Zeit die auch sie durchstehen , diese Leichtigkeit behalten können. Sie den Regen und den Sonnenschein zu genießen wissen und ihn so annehmen wie er ist.
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