Hi Mama,ich weiß das du mich hörst , das meine Gedanken dich erreichen werden. Ich werde dir einiges zu sagen haben und du wirst sicherlich nicht begeistert sein. Oft haben wir in den letzten 20 Jahren miteinander gekämpft, ich habe versucht dir vorzuleben , was es bedeutet Kinder großzuziehen. Du warst in der Hinsicht meine treibende Feder. Jeden Tag dir klarmachen , wie es hätte sein sollen , wie man ein Kind liebt.
Aber du wußtest es schon längst, wußtest , was verkehrt war. Mittwoch abends hast du mich in den Arm genommen und mich um Verzeihung gebeten donnerstags abends warst du bei deiner Mama.
Den Kindern geht es gut, sie entwickeln sich genau so prächtig wie deine meine „Große“ , auf die du wie ein Engel aufgepasst hast. Ich habe begriffen , wußte daß du an ihr alles gut machen wolltest und habe dich auch gewähren lassen. Oft hast du von mir Stiche bekommen wie , du brauchst mir nichts von schlagen erzählen , ich bin nicht du , oder du weißt das ich nicht deine Fehler machen werde, die „Große“ ist bei mir beschützt , im Gegensatz zu mir.
Ich weiß noch , wie du mich mal verzweifelt angeschaut hast und sagtest, wann kannst du mir endlich verzeihen , warum bohrst du immer in meine Wunden. Das ist eigentlich ganz einfach , da du solche Wunden verursacht hast, die nicht heilen wollten. Sie waren hinter einem dicken Verband und wurden von uns beiden stillgeschwiegen. Nur dieses unterschwellige Feuer war nach wie vor da.
Ich verstehe auch allmählich warum du mein Anschubser warst, warum es mir gut vor deinem Fortgehen ging, du warst mein Motor. Du wußtest dass ich mich ständig flüchte und hattest gelernt mich zurück zu holen , mit Sätzen ich will jetzt, wir machen jetzt, komm mal , tu mal , mach mal.
Du hast mich ständig aus der Reserve gelockt, mit irgendwelchen Äußerungen , Gesten, Reaktionen , Handlungen , hast mich wütend gemacht auf dich. Dies waren meine hellen Zeiten, Zeiten in denen ich gegen dich gekämpft habe. Es war eine ganz bewußte Handlung von dir.
Aber einfacher wäre es gewesen, wenn wir geredet hätten, aufgearbeitet hätten. Dann hätte ich vielleicht mein Leben leben können und nicht das Leben in den Kampf gegen dich und hätte richtig wütend sein können, auf das wo ich wütend drüber sein muss und nicht über deine ach soo coole kühle kalte eiskalte Art die du mir weismachen wolltest.
Du hast so für mich gekämpft als ich ein Baby war, wolltest mich unbedingt. Aber da war ich, ein kleines Wesen , sicherlich mit Charaktereigenschaften aber halt klein, sicherlich schon mit einer Familie , aber die hast du recht schnell ausgeschaltet. Du wolltest mich , aber nach deinen Vorstellungen geformt. Dieses Formen war für dich , Härte , Schläge , Brutalität. Ja klar , du wußtest dir nicht anders zu helfen, dir ist es genau so gegangen, aber hat dich das Nasenbluten nie berührt, niemals die Tränen , das Flehen , das inständige Bitten.
Wieso war ich nur dein Besitz, unseren Hunden ging es noch besser wie mir, die wurden gestreichelt , kamen auf dem Schoss.
Wann hast du mich mal auf dem Arm genommen, wann war ich mal in deine Arme, hast du mir jemals mein Haar gestreichelt, habe ich jemals einen Kuss bekommen.
Sicher , du sagst jetzt wieder hör mir auf mit der Gefühlsduselei , aber das hat damit nichts zu tun , das hat was mit Wasser zu tun auch Liebe braucht ein Kind um sich zu entfalten , nicht nur Nahrungsmittel.
Irgendwann fing ich an Nahrung zu verweigern , wollte nicht mehr essen. Was machtest du Rotbäckchen kaufen und mir massenweise eintrichtern , bis ich kapituliert habe.
Tränen habe ich geweint , was machtest du , so lange zuschlagen und brüllen ich solle endlich mit diesen Krokodilstränen aufhören , bis ich in mir hineinweinte.
Reden wollte ich mit dir, Hilfe wollte ich von dir, was machtest du , ignorieren und in Arbeit flüchten und ich wurde sprachlos.
Die Umwelt erkannte allmählich dass was mit mir nicht in Ordnung war, was machtest du , andere Geschichten in den Vordergrund rücken und Erklärungen abgeben.
Ja du wirst sagen , aber Kind wir hatten doch auch schöne Zeiten, aber ich möchte hier nicht sitzen und darüber nachdenken wo einmal eine schöne Zeit war, denn es sind nur ganz wenige. Sicherlich irgendwann haben wir auch miteinander gelacht aber da war ich schon längst viele Jahre erwachsen und begann mich von deiner Macht zu lösen.
Ich weiß wie oft du gesagt hast, hör auf scheiss klassische Musik zu hören, was willst du mit den ganzen Büchern, Mädchen brauchen kein Abitur, schau das du was ordentliches lernst, quatsch wo kommst du her , halt mal die Nase nicht so hoch , studieren du spinnst wohl. Ach jetzt tickst du absolut daneben , Vorsitzende , so ein Blödsinn , kümmere dich um dein Kind , da hast du genug zu tun. Schau das alles geregelt ist in deinem Haus und kümmere dich nicht um andere.
Ja genau , du wolltest das ich für dich da bin , nur für dich und für keinen anderen , ich war dein persönlicher Besitz, nach deinen Vorstellungen geformt und gebogen. Aber Ma , du hattest einen Roboter entstehen lassen, der im Alltag zwar funktionierte alles regelte, Aufgaben erfüllte , aber keine Träume hatte , sich in ihre Welt flüchtete um nicht in Tränen versinken zu müssen.
Ja , ich erinnere mich an unsere letzten Monate, denn trotz allem , obwohl du weggeschaut hast, habe ich dich immer geliebt, immer und auch heute noch . Doch heute bin ich wütend , wütend auf dich , wütend auf mich , wütend dass wir nicht aufgearbeitet haben. Ich kann nicht zu dir rüber und dir sagen , ich bin wütend und ich hasse dich dafür was du gemacht bzw. nicht gemacht hast.
Ja ich bin wütend darüber, dass ich nächtelang im Flur stehen musste und ein Gedicht auswendig lernen musste, was nicht in mein Kopf reinwollte.
Ich bin wütend darüber, dass du mitten in der Nacht reinkamst, meinen Schrank weil nicht alles auf Bruch lag , rausgerissen hast und ich versuchte krampfhaft die Augen zuzulassen, damit ich keine Schläge bekam.
Ich bin wütend über deine verbalen Attacken denn ich weiss nicht was schlimmer war , die Schläge oder das brüllen . Oft habe ich mir dir Ohren zugehalten, damit ich nichts mehr hören muss , irgendwann kam mein Standardsatz „Ja , Mama“. Wie oft hast du dich darüber aufgeregt , aber dazu hattest du mich erzogen , zum Jasager.
Ich bin wütend über deine Kälte und suche noch heute deine Hand.
Ich sitze an deinem Sterbebett, Stunde um Stunde halte deine Hand , die Hand die ich gerne in meinem Leben gehabt hätte, die zarte Hand , nicht die brutale , die kannte ich.
Ich sitze an deinem Sterbebett und küsse deine Wange, du hast mich angeschaut , ich weiß dort war eine Träne , ach Mama , trotz allem liebe dich dich so unendlich.
Ich habe Schatzii versprochen dir zu schreiben, er wußte genau wie ich das es an der Zeit ist , dich gehen zu lassen, dich ruhen zu lassen. Nein ich kann dir nicht verzeihen , ich werde es nie können aber ich denke in Liebe an dich. Mehr ist nicht drin , mehr geht einfach nicht.
Du warst eine hervorragende Oma, das Mädel liebt dich auch heute noch unendlich. Du hast ihr alles gute eingeimpft alles positive was in dir war. Es war deine treibende Kraft, du hast mir gezeigt , dass du es auch anders kannst. Aber auch ich wäre gerne das Kind auf dem Boden gewesen , mit der du gemalt, gebastelt hast, wäre gerne das Kind gewesen , das jederzeit beschützt war, das Kind das wusste da ist einer der nie zulassen würde das diesem Leid geschieht.
Warum konntest du das nicht , ich werde es nie verstehen
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