Bevor ich meine Geschichte weiterschreibe und mir die Nacht um die Ohren schlage – nach dem mißlungenen Versuch zu schlafen – möchte ich noch einige Worte los werden.
Irgendwann wird vielleicht einer meine Geschichte lesen , so wie ich bei Hexle , ganz schrecklich weinen und weiterlesen, schauen wie sich das Leben entwickelt hat. Dann das ein oder andere lesen und denken – hmm – sie wird auch jetzt noch beeinflusst , bzw. hört auf andere.
Ich muss dies vehement verneinen. Wenn ich eins in den letzten Monaten gelernt habe , dann ist es die Rückkehr meines Rückrades und die Rückkehr meiner mir eigenen Sturheit, halt dass ich mich nicht verbiegen lasse.
Dennoch habe ich einige ganz liebe Menschen um mich herum , die mich auf meinem Weg unterstützen , aber nicht in der Art das sie zu allem Ja und Amen sagen, sondern hinterfragen was ich denke , fühle und ob ich das auch schaffe.
Gerade deswegen liebe ich sie so. Sie lassen mich mich sein auf der Suche nach mir selber. Ich habe mich oft in den letzten Wochen gefragt , wer werde ich sein , wenn es nicht mehr so schmerzt, wer werde ich sein , wenn ich wieder schlafen kann. Wer werde ich sein, wenn ich begriffen habe, das mir keiner was zuleide tun kann , dass ich nicht flüchten muss.
Bin ich dann noch diejenige die man immer geliebt hat, diejenige der die Liebe entgegenfliegt und die sich immer in sicherer Distanz gehalten hat um beizeiten abprallen lassen zu können. Ich denke ja und nein. Gewiss werden diejenigen die mich im Moment begleiten meine engsten und liebsten Freunde bleiben . Sicherlich hat mein Schatz einen großen Platz in meinem Herz erobert, sicherlich werde ich auch die Mama bleiben die ich bin. Aber eins werde ich wenn ich dadurch bin nie wieder machen. Ein Nein das in meinem Kopf ist nicht aussprechen. Die Zeit dazu ist noch nicht reif und ich übe noch , genau so wie ich übe mit mir selber klar zu kommen , so wie ich übe ertragen zu können ohne dass mich alles überrollt, genau so wie ich am Tag essen muß um nicht krank zu werden.
Aber diese Erkenntnis bringt mich schon einen großen Schritt voran. Ich bewundere meinen Schatz wie er sich zurückhalten kann obwohl ihm einige Antworten schon klar sind. Er wartet ab bis ich dementsprechend nachgedacht habe und bestätigt danach meine Lösungen. Ich bewundere seine Fähigkeiten sich total zurückzunehmen auch wenn es ihm gewiss manchmal in den Fingern kribbelt. Ihm ist es wichtig dass es mein Weg ist und er ruft es mir immer wieder in Erinnerung dass ich meinen eigenen Kampf kämpf und ihn auch in mir selber alleine überstehe.
Lange war mir nicht klar , dass ich das was ich nach aussen geben kann , meine Stärken halt auch dafür geeignet sind mit mir selber leben zu können. Packen wir es an …
Der Weg erscheint dir lang,
weil du zögerst, ihn zu betreten:
Ein Schritt würde dich
schon voranbringen.
Ein Schiff ,
das im Hafen lieg,
ist sicher.
Aber dafür werden Schiffe
nicht gebaut.
Denn es ist klar, daß die Zukunft
nicht den Zaudernden gehört, sondern denen,
die, ohne schwach zu werden, das durchstehen,
wofür sie sich einmal entschieden haben.
Verachte die kleinkriechende Kraft nicht,
der Regentropfen, der von der Rinne fällt,
durchlöchert den Felsen.
Der Mann , der den Berg abtrug,
war derselbe, der anfing,
kleine Steine wegzutragen.
Ich fahre fort bei meinen Steinen….
Sunshine als Kind
Es hat einige Tage gedauert, sei es durch den Stress den die Vorweihnachtszeit mit sich bringt , sei es dass ich nicht schreiben wollte. Alles was bisher war , fiel mir mehr oder weniger leicht. Ab hier fangen meine Erinnerungen an zu bröckeln bzw. sind noch nicht komplett wiedergekehrt. Im Moment durchlaufe ich einen ziemlich rasanten Prozess und hechte so ein wenig hinterher. Schatzi nennt das schlichtweg Autobahn – ich denk er trifft es auf den Punkt.
Es muß vor meiner Einschulung gewesen sein als Pa das erste Mal mich auf seinen Schoß zog. Er streichelte und schmuste mich und da ich nicht an Zärtlichkeiten gewöhnt war , so wie wir es mit unseren Kindern praktizieren , genoß ich es . Er hatte mich lieb. Für ihn war alles total normal und ich empfand es irgendwann genau so. Aus dem auf dem Schoß sitzen wurden danach Berührungen , weil ich Pa ja auch streicheln sollte und ich wäre ja seine Prinzessin.
Ich denke dass ich trotz allem geahnt habe , dass dort irgendwas schief läuft aber wollte auch die Aufmerksamkeit. Er war für mich da.
Mit 7 musste ich zum Einschulungstest und dieser verlief mehr als mies. Ich konnte weder ein Puzzle lösen , noch irgendwelche geraden Striche ziehen noch Antworten geben. Hüpfen und Springen und all die anderen Sachen funktionierten nicht. Ich weiß noch genau wie entrüstet die beiden waren, dass ich so dermassen dumm war. Es wurde sich lange darüber unterhalten dass die Lehrer meinten mit der können wir nichts anfangen.
Dennoch war für mich die Einschulung was wunderbares. Ich stand zwar wie immer alleine und dennoch war ich fasziniert vom Kasperletheater kam freudestrahlend nach Hause und bekam den Dämpfer , dass ich mir nicht einbilden solle , es würde so bleiben, die Schule wäre kein Zuckerlecken.
Von den nächsten Jahren in der Schule habe ich nicht viele Erinnerungen. Ich könnte auch keine Kinder nennen mit denen ich gespielt habe erinnere mich nur an Hänseleien weil ich so komisch wär. Dennoch hatte ich sehr früh gelernt zu lesen und zu schreiben. Oft mußte ich daheim wenn die Seite nicht 100 prozentig so aussah wie sie sollte alles neu schreiben. Oft war das Heft bei der gleichen Aufgabe zu Ende und ich begann in einem neuen Heft von vorne. Nach einiger Zeit hagelte es Ohrfeigen , weil ich noch immer nicht in der Linie schrieb. Auch heute ist meine Schrift teilweise noch linkig und ich schreibe wesentlich lieber auf dem Lappy.
Viel später erkannte ich dass es aus der Methode resultierte einen Linkshänder zum Rechtshänder umzuerziehen.
Wie gesagt, ich las recht früh und meistens heimlich. Früh begann ich dann Tagebücher zu schreiben. Diese habe ich mit 19 alle verbrannt weil ich mit meinem früheren Leben abschließen wollte bzw. mit dem Leben überhaupt.
An die Tafel zu gehen war für mich der reinste Horror, ich bekam einfach kein Wort heraus, war nicht in der Lage irgendwas zu sagen , geschweige eine Frage an der Tafel zu beantworten. Es wurde nicht besser ich zog mich nur noch mehr zurück, wurde immer häufiger ausgelacht und war recht einsam.
An den Nachmittagen nach der Schule mußte ich ab dem 8. Lebensjahr an kochen und putzen. Mein Alltag verlief recht gleichmässig zwischen Hausarbeit und Feldarbeit.
Zu dieser Zeit begann es auch dass ich nachts geweckt wurde mit der Aussage , steh auf der Papa will nicht ins Bett , bring ihn dahin, lass gehen.
Ich weiß bis heute nicht wo sie danach war, bis heute begreife ich nicht wie sie mich dem aussetzen konnte.
Ich hatte Blutungen und sie ging mit mir zum Arzt, auch diesen verstehe ich nicht , der es als ganz normal ansah was mal vorkommen könnte. Man hätte zu diesem Zeitpunkt noch einen Punkt setzen können. Sicherlich wäre es für mich da auch schon nicht mehr einfach gewesen , aber all die Folgejahre wären mir erspart geblieben.
Kurz darauf vertraute ich mich ihr an mit der Aussage Papa tut mir weh. Ich erinnere mich heute noch an die Schläge und Fußtritte und der Warnung nie wieder so zu lügen ansonsten würde ich es bitterlich bereuen. Nie wieder habe ich über das was geschah mit einem gesprochen ausser mit Madita aber dazu später mehr.
Pa sagte oft zu mir , meine kleine Prinzessin das muss unser Geheimnis bleiben du darfst mit Mama nicht darüber reden. Ich kann dich nicht schützen und du weißt was sie das letzte Mal gemacht hat. Irgendwann machst du sie dann so böse du weißt wie sie ist, dann wirst du ins Heim gehen müssen und dort ist es schrecklich. Ich habe dich doch lieb mein Sonnenschein. Nur dich liebe ich.
In meinem Zimmer war eine Klinke , oft lauschte ich in die Nacht in der Hoffnung bald ist Ruhe und sie würden schlafen gehen. Erst wenn ich keine Geräusche mehr hörte schlief ich ein.
Oft versuchte ich die Augen ganz feste zuzudrücken wenn die Klinke herunterging in der Hoffnung ich würde dann sofort so tief schlafen damit ich Ruhe hätte. Ich hatte einen Teddy , er hat mich viele Jahre begleitet. Mein Ex-Mann konnte nicht verstehen warum ich ausgerastet bin als er diesen weggeschmissen hat. Es war mein Anker.
An daheim kann ich mich in den nächsten Jahren kaum erinnern ausser dass ich lieber in meinem kalten ungeheizten Zimmer in meiner Freizeit gesessen habe anstatt bei ihnen. Wenn sie reichlich getrunken hatten kamen Erzählungen warum ich bei ihnen war und dass ich dankbar sein soll. Es folgten dann Tiraden wie schlecht meine Eltern wären und das aus mir noch was werden würde. Sie lachten und stritten und ich hoffte oft sie würden soviel trinken dass sie einfach umkippen würden.
Hatte ich wenn sie getrunken hatte die Angst die Türe würde sich öffnen , kehrten wenn sie nicht getrunken haben , die Angst vor Ma ein. Sie stürmte oft nachts in mein Zimmer inspizierte den Schrank und wenn dieser nicht gut genug aufgeräumt war wurde alles herausgerissen und ich musste mitten in der Nacht anfangen alles auf Bruch zu legen.
Wenn ich dann nach einigen Stunden geschafft alles aufzuräumen, mir war dann inzwischen bitterlich kalt , konnte ich mir sicher sein das ein bis zwei Fächer noch immer nicht ihren Wünschen entsprach. Von undankbar und wieviel Arbeit ich machen würde bis schlampig und das würde sie mir noch austreiben kam so ziemlich alles. Falls ich weinte kam ihr altbekannter Satz , hör auf mit deinen Krokodilstränen , die ziehen bei mir nicht.
Lichtblicke war der Besuch der Familie meiner Ma. Ich mußte oft auf einer Treppe sitzen mir irgendwas zu spielen nehmen und ruhig sein. Ich befolgte das und war froh wenn mich niemand beachtete. Aber einer der Onkel kam wirbelte mich durch die Gegend und ich durfte weg. Viele Jahre lang war ich immer aufgeregt wenn er kam , er hatte Schokolade und sprach so lieb mit mir interessierte sich für mich.
Meine Tante dagegen hätte ich manche Tour gerne irgendwohin gewünscht. Sie sah wirklich alles. Hatte ich nicht hinter dem Ofen geputzt sie sah es und sprach Ma darauf an. Die beiden hatten noch nicht das Haus verlassen da wusste ich schon was auf mich zukam. Oft durfte ich mir den Kleiderbügel selber holen und Pa schaute zu. In den letzten Wochen habe ich oft versucht herauszufinden wo er war und ich musste mir selber eingestehen , er war da und hat ebenso wie sie umgekehrt nichts unternommen.
Manche Tour wenn die beiden sich sehr gestritten hatten eskalierte die Situation. Ich wurde mit den Haaren gegen die Wand gehauen so lange bis ich nur noch gewimmert habe, ich tue es nie wieder bitte hör auf. Sie wartete darauf dass ich klein beigab und an manchen Tagen war ich stark genug damit lange zu warten. Manchmal hoffte ich sie würde so lange machen bis ich sterben würde.
Zu dieser Zeit in etwa begann ich Tabletten mit 80 % Rum zu mischen. Die Medikamente lagen immer irgendwo herum ob Kopfschmerz- oder Herztabletten und was weiß ich nicht noch alles, Valium unter anderem auch. Heute noch ist es für mich ein Wunder dass ich das jedes Mal überstanden habe.
Ich nahm sie vor der Schule und manches mal kippte ich einfach unterwegs torkelnd um. Der Arzt kam wie immer stellte Kreislaufprobleme fest und ich schlief einige Tage wie im Traum Es waren die Tage an denen ich Ruhe hatte.
Ich werde morgen total übermüdet sein , aber ich denke ich muß diesen Teil weiterschreiben, damit es endlich etwas leichter für mich wird.
Und nun mach ich mir erst mal einen Kaffee um halb 2 nachts – —
Mal schnell 2 Bilder in Sunshines Dunkelheit gemacht , 2 Bilder aus dem Esszimmer , hehe. So mit Kaffee bewaffnet , fahren wir fort.
Zur gleichen Zeit muß ich auch mit der mir eigenen Art zu kämpfen angefangen haben. Wie schon erwähnt las ich zu dieser Zeit schon sehr viel , eigentlich alles was mir zwischen die Finger kam und wenn ich nicht las lebte ich in dieser Welt weiter. Ich war wie Hanni und Nanni im Internat oder auf Reisen mit meinen Märchenfreunden oder ich flog wie Nils Holgerson war Heidi oder die Biene Maja. Aus diesen Träumen wurden Träume einer besseren Welt die ich ganz bewußt gewählt habe meinte ich jedenfalls. Man sagte mir später dass ich ein sehr verträumtes Kind war immer fernab und erst nach mehrmaligem Ansprechen reagiert habe.
Ich war schon ein wenig erschrocken als mein Schatz mir vor einiger Zeit genau das erzählte, da ich dachte genau das würde ich nicht mehr vor allem nicht mehr so bewußt.
In den letzten Wochen holen mich wie erwähnt Stückchen für Stückchen die Erinnerungen wieder ein , manche Tage könnte ich schreien , manche Tage am liebsten verkriechen und Kopf leer machen und es gibt inzwischen Tage an denen ich einfach nur noch weine , ja ich gestehe mir inzwischen das weinen ein , ich erlaube es mir.
Aus den ständigen Ja Mama wurde ein nicht Essen wollen, wurde ich vorher schon mit Aufbaupräparaten gefüttert war es nun nur noch Gewalt. Wenn ich nicht vernünftig mit Messer und Gabel aß , zu langsam oder matschte waren es noch Ohrfeigen. Konnte ich das Essen einfach nicht runterbekommen , da es wieder Fett oder Rosenkohl war und ich mich erbrach wurde ich entweder ins Badezimmer befördert , dort wo Schweine hingehörten oder ich wurde mit dem Gesicht hereingedrückt. Manchmal artete es aus dass ich gezwungen wurde das erbrochene wieder zu essen. Es hat viele Jahre mein Essverhalten nachhaltig beeinflußt. Manchmal wurde mir das Essen über den Kopf geschüttet vor allem wenn es Suppe mit Haxe oder Schweineohren waren, alleine der Geruch bereitete mir schon Übelkeit.
Dennoch wurde ich in der Hinsicht immer sturer. Eines Tages wußte sie sich keinen Rat mehr und das Einsperren in dem Kartoffelkeller begann. Ich weiß nicht wie lange ich jeweils in diesem Raum verbringen musste aber ich wünchte mir jedesmal lieber den Tod als dort nur noch eine Minute länger auszuhalten. Oft legte ich mich auf dem Boden und bettelte Gott an er möchte mich doch bitte erlösen , so böse wäre ich doch nicht und wenn soll er mir doch endlich verzeihen.
Nach meiner Kommunion hatte ich die irrwitzige Idee wenn ich Meßdiener würde , würde ich nicht mehr so sehr bestraft und hätte es leichter . Also zog ich 3 x in der Woche in Richtung Kirche und wenn einer der anderen nicht wollte machte ich auch diesen Dienst. Mit 16 habe ich erst aufgehört so lange habe ich mit mir und ihm gekämpft gezweifelt gebettelt und gefleht. Irgendwann kam ich dann gerade im katholischen Glauben zu der Ansicht ich müsse das alles durchleben , weil es mir so vorbestimmt sei und ich ertrug einiges ohne zu klagen geschweige zu weinen . Ich wollte beweisen dass ich stark sein kann damit es aufhörte. Jedesmal wenn es schlimmer wurde, war ich der Meinung ich wäre nicht stark genug wäre schwach.
Wie gesagt war ich in den ersten Jahren eine absolute Niete in der Schule. Im 3. Schuljahr bekamen wir eine neue Lehrerin. Es war Liebe auf dem ersten Blick , ich klettete mich auch viele Jahre danach noch an diese Lehrerin , besuchte sie daheim und sie war es die mich ermutigte weiter Gedichte zu schreiben , weiter meine Geschichten. Sie war es die oft fragte ob alles in Ordnung sei aber ich erzählte nie etwas , soweit ging mein Vertrauen zu niemanden.
Die Grundschule schloß ich mit der Qualifikation für das Gymnasium ab musste aber zur Hauptschule da die Nachbarskinder auch dorthin gingen. Die Umstellung auf so viel neue Kinder war für mich hart ich erinnere mich noch heute , dass ich ständig Angst hatte. Also las ich im Schulbus auf dem Hin- und Rückweg und man ließ mich in Ruhe. In den nächsten Jahren war ich eine ziemlich schlechte Schülerin ich las lieber auch nun im Unterricht. An diese Jahre kann ich mich ausser an den Sport kaum erinnern. Hier und da sind schon mal ein paar Gedankenblize. Sei es der Handarbeitsunterricht, der Chor , der Kinderchor oder Malen und Zeichnen.
Oft durfte ich in den Folgejahren nicht zur Schule weil ich Prellungen hatte oder mein Rücken blutig war, manchmal konnte ich nicht sitzen und musste im stehen essen. Es wurde dann gewartet bis es verheilt war. Für mich war die Schule schön ich bin unheimlich gerne dorthin weil es für mich Ruhe bedeutete.
Die anderen Mädels fingen an sich schön zu kleiden und ich suchte mir Sachen aus die unscheinbar waren. Ich wollte auf keinen Fall irgendwie auffallen.
Zu dieser Zeit bekam ich von einer Tante ein Buch mit vielen wunderschönen Farben , das für mich zu einer Art Bibel wurde. Immer wenn es mir schlecht ging , schaute ich mir diese Bilder an, es wurde wie zu einem Zwang.
Ende der 4. Klasse lernte ich Madita kennen. Meine Ma war mit ihrer Oma befreundet. Madita war die erste die von meinem Geheimnissen wusste. Wir spielten viel miteinander , ich lernte bei ihr Klavier spielen , malen , Blockflöte , viertel Noten und vor allem lernte ich bei ihr zu lachen. Das erste Mal im Leben spielte ich bei ihr mit Puppen , weinte und lachte. Sie versprach mir , dass sie mit mir weglaufen würde irgendwohin wo es mir gut gehen würde und wurde wütend wenn ich ihr von den Tabletten erzählte.
Manche Nacht ging ich auf nackten Füßen nach draussen in der Hoffnung krank zu werden , sprach von hohen Mauern runter , radierte meine Hand bis ich Brandblasen hatte und sie schimpfte auf ihre Art.
Im Sommer lagen wir stundenlang auf der Wiese und schauten den Wolken hinterher. Mein Vetter war zu dieser Zeit ziemlich geknickt da ich so viel Zeit mit ihr verbrachte. Ich durfte oft zu ihr , auch wenn es mir sonst verwehrt wurde irgendwo hin zu gehen.
Madita war oft ziemlich müde und irgendwann kam sie nicht mehr zu ihrer Oma. Ich weiß noch wie ich nachgefragt habe , gebettelt habe man möge mir doch bitte sagen warum sie nicht mehr kommt. An dem Abend als die beiden sagten dann geh doch selber anrufen und frag nach aber das und das kannst du in einem mitbringen vom Einkaufen , veränderte bei mir vieles. Maditas Oma wollte mir zuerst nichts sagen aber irgendwie muß ich sie dann dazu gebracht haben mir die Wahrheit zu sagen. Sie war sehr schnell an Leukämie gestorben. Obwohl ihre Eltern und Großeltern Ärzte waren , gab es für Sie keine Rettung mehr. Ich habe alles um mich herum vergessen auch die Geldbörse bin heim und bekam heftige Ohrfeigen da ich nicht eingekauft habe und das Geld vergessen hatte.
Ich kann mich bei der Beerdigung nur an die Nacht davor erinnern. Es war eine Nacht die nie wieder aus meiner Erinnerung herausgeht, nicht das Ticken der Uhr und der Ton bei den Stunden nicht die Tränen die nicht mehr kamen und nur noch brannten. Ab diesem Tag haben die Tränen meistens nur noch gebrannt im realen habe ich fast nie wieder geweint. Madita war die erste die eine Rose mit ins Grab bekam dazu ein Bild mit einem Regenbogen und einige meiner Gedichte.
Von dem Tag an war Madita ein fester Bestandteil meiner Gedanken , sie war die schöne Seite meines Lebens. Mit ihr sprach ich stundenlang , erzählte ihr meine Sorgen , besprach mit ihr meinen Wunsch ihr zu folgen, ich wollte nicht mehr hier sein. Ich wurde in den Folgejahren öfters wegen Herzrhythmusproblemen eingeliefert die dann immer psychosomatisch erklärt wurden was im weitesten Sinne ja auch stimmte.
Ungefähr in der 4. 5. Klasse erkannte ich dass mich laufen befreit. Aus dem bisschen Laufen wurde eine Sucht. Ich setzte mich irgendwie durch und lief morgens , nachmittags , trainierte sehr schnell 3 x in der Woche und hatte überwiegend am Wochenende Wettkämpfe. Es folgten Hochsprung und Kugelstoßen. Man sagte mir dann nach dass ich Talent hatte ,aber das war mir egal. Ich spielte Handball , Volleyball und suchte immer neue Herausforderungen. Erst wenn ich mein Herz pochen spürte , das Gefühl hatte nicht mehr atmen zu können , mein Magen sich umdrehte und der Kopf dröhnte hörte ich auf.
Jeden Tag steigerte ich dies damit dieses Gefühl einkehrte. Der Vorteil war dass ich zu dieser Zeit sehr viel ass aber nur um Laufen zu können. Ich begann zuzunehmen was sich in den Folgejahren dann auch steigerte.
In der Schule hatte ich schnell einen Namen und dadurch dass meine Schwester lange Jahre einen Ticken besser war kam auch heraus dass wir Geschwister waren. Sie mußte diese verheimlichte Wahrheit bitter bezahlen.
Mir war es verboten wenn ich sie in der Schule sah mit ihr zu sprechen, man sagte mir sollte ich mich trauen wüßte ich was auf mich zukommt. In der Familie galt ich als gute Schülerin. Dass ich dafür oft stundenlang sitzen mußte , die Hefte um die Ohren geschlagen bekam , weil ich es einfach nicht konnte interessierte niemanden.
Außer der Reihe war es mir nicht erlaubt etwas aus dem Garten oder dem Kühlschrank zu holen , geschweige aus dem Vorratsschrank. In der Zeit die ich Sport trieb habe ich wie schon erwähnt viel gegessen . Mir wurde dieses Lebensmittel nehmen dann als Diebstahl angeprangert. Oft musste ich stundenlang auf den Knien in der Ecke ausharren , bis ich versprach es nicht mehr zu machen. Über der Stirn habe ich heute noch eine Narbe , weil mir der scharfkantige Deckel beim schmeissen von ihr dort geschrammt hatte. Ich kann mich noch daran erinnern dass ich dachte ich verblute. Waren die Erdbeeren reif und ich mußte diese pflücken achtete sie peinlich darauf dass ich keine aß. Himbeeren oder Brombeeren durfte ich auf keinen Fall anfassen. Irgendwann sagte sie mir ich wäre nur gefräßig und ich solle schauen wie ich das abarbeiten könne.
Von da an mußte ich öfters mit in die Gärtnerei und stundenlang mit umtopfen , Töpfe reinigen , Gestecke machen. Als kleineres Kind ging ich gerne dorthin , weil ich das wachsen der Stecklinge als faszinierend ansah, aber nach einigen Mißgeschicken durfte ich nicht mehr in die Gewächshäuser. Dennoch ist mir die Liebe zur Natur immer erhalten geblieben. Lange Jahre habe ich auch hier noch im Garten Blumen gezüchtet und zurechtgeschnitten.
Hier und da habe ich versucht mich gegen Pa zu wehren. Nicht immer war ich passiv. Wenn ich zu laut gewimmert habe , hielt er mir den Mund zu und sagte wenn ich still wär , würde er loslassen. Manche Tour dachte ich er erwürgt mich. Ich fühlte mich schuldig weil ich anfing zu begreifen , gab mir die Schuld und fühlte mich nur noch schlecht. Er sagte in den Folgejahren oft ich wäre es ja selber Schuld und ich würde ihn ja dazu bringen. Aber aus dem Weg gehen gelang mir auch nicht. Ich habe ihn gehasst und geliebt.


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