Frühjahr 2007 –
Ich war doch noch so klein,
Nie werde ich die Menschen verstehen, warum liessen sie das zu.
Eine kleine Menschenseele auf die Erde gesetzt , nicht danach gefragt, nicht gebettelt um hier sein zu dürfen.
Abgesetzt in die kalte Welt der Emotionen und Wünsche anderer Menschen.
Nicht gewollt , von Anfang an mit dem Leben gekämpft.
Ich war doch noch so klein, warum interessierte es keinen ob ich überlebe.
Nach drei Tagen gerettet worden, vom Bruder mit Flüssigkeit ans Leben gehalten.
Sie eingewiesen ins Krankenhaus, wir getrennt für immer.
Wochenlange Versuche mich ans Leben zu halten , Nahrungsnahme ist auch heute noch ein Problem.
Ich war doch noch so klein,
warum durfte ich keine Familie haben, keine Geschwister.
Warum ward ihr so kalt , habt uns für immer getrennt , habt uns kein Anrecht auf Familie gegeben habt eure Augen und euer Herz verschlossen.
Brav war ich angepasst , sagt sie , ein Engel halt, man konnte mich stundenlang irgendwo hinsetzten und ich blieb sitzen wie eine Puppe. Nicht gewollt , Spielzeug , Objekt , wunderschöne Augen , Engelsgesicht , abstellbar und leise, ruhig
Ich war doch noch so klein.
Erste Erinnerungen, Schmerz , Schreien, Angst , Schläge , Nasenbluten….
erster grosser Schmerz , nicht gewollt , Prellblock für verletzte Gefühle anderer. Blitzableiter auf die kleine Seele. Sehen der Menschen und Augen verschliessen, nur nicht beachten, nicht einmischen. Sie hat ein Zuhause, sie hat überlebt, zwar noch immer zart und zerbrechlich , aber sie lebt, also gehts ihr gut.
Ich war doch noch so klein.
Viele Tränen in den nächsten Jahren, viel Jahre der Traurigkeit.
Gestohlene Stunden mit dem Behüter meiner Kindheit, aber zu schwach mich zu beschützen, versank lieber im Alkohol, all meine Liebe ich ihm schenkte , aber er war halt oft fort und liess es zu, seine Prinzessin , sein Engel , von dem niemand etwas wissen durfte, ansonsten müsse der Engel fort von ihm , müsse fort…
Ich war doch noch so klein.
Fremde Räume , fremde Frau , Dunkelheit, Angst wenn sie kam um mich zu holen.
Qualvolle Stunden mit ihr zusammen, der Frau die ich kennen müsste , aber die ich nicht sehen wollte, die mir mein Leben nicht gönnen wollte, die vergass dass ich existiere, die mich auf diese kalte Welt gesetzt habe, obwohl ich nie darum gebeten habe.
Ich war doch noch so klein
Viele einsame Stunden schon als Kind, Verhinderung der Kontaktaufnahme aussen, es durfte nichts rausdringen, tagelang alleine bis Wunden wieder verheilt waren, sehe andere Kinder spielen , möchte auch habe aber Angst was zu sagen, passe mich an und schaue traurig das Fenster hinaus.
Ich war doch noch so klein
Erste tiefe Verzweiflung, erste böse Wut , viele Stunden Einsamkeit und das Gefühl von Grund auf böse zu sein, die kleine Seele die anfing vor lauter Angst in eine Traumwelt zu entgleiten , will Gemüter beruhen. Viele Jahre brauchte ich danach um zu erkennen , dass ich so sein darf wie ich sein möchte.
Ich bin doch noch so klein
Unscheinbar in sich selbst, angepasst , brav unauffällig , mitleidsvoll von den Menschen angeschaut,das Mädchen mit den traurigen Augen, zu dieser Zeit begann ich schon die Menschen zu beobachten, warum sahen sie mich nicht , sahen nicht meine Trauer , meine Einsamkeit, warum verschlossen sie sich , warum schauten sie weg. Dies waren schon die Tage an denen ich nicht mehr auf dieser Welt sein wollte, nicht mehr dieser Kälte ausgesetzt sein wollte.
Immer öfters besuchte ich die Kirche , suchte dort meine innere Ruhe , aber auch dort fand ich sie nicht.
Nach aussen hin wurde ich immer ruhiger, lustiger , strahlender , fröhlicher, aber nach innen hin wuchs die Einsamkeit und das Tagebuch wurde mein Freund , mein ständiger Begleiter.
Ich war doch noch so klein
Immer öfters kamen Wut und Aggressionen an den Tag, immer mehr Unzufriedenheit , die an der kleinen Seele ausgetobt wurden, waren es vorher nur Schläge mit der Hand , wurden sie nun brutaler. Gedroht falls was nach aussen dringt, dass man dann fort muss , nu gar nichts dem Papa zu sagen, man ein missratenes Kind von missratenen Eltern ist, die Gene intus hat und dass dafür gesorgt werden muss, dass die Erbanlagen verloren gehen.
Nie ein liebes Wort , kein zärtliches Streicheln über den Kopf, keine liebevollen Gespräche , sehr früh konnte ich lesen und lebte nur noch in der Welt meiner Bücher.
Unendlich traurig wenn ein Buch ausgelesen war und ich wieder monatelang warten musste bis ich ein neues bekam.
Ich war doch noch so klein
Eine Lehrerin erkannte dass hinter dem ängstlichen kleinen Mädchen, dass mit niemanden sprach mehr war, gewiss anfangs zwang sie mich noch nach vorne zu kommen, mit anderen zu kommunizieren , aber irgendwann verstand sie mich.
Sie ist es , die aus mir ein ehrgeiziges Mädel machte, sie pflanzte mir meinen Wissenshunger ein. Sehr früh begann ich Literatur zu lesen, die mir die Menschen erklären sollten, aber bis heute fand ich nichts, die mir eine Erklärung gaben
Ich war doch noch so klein
Zu diesem Zeitpunkt begannen schon die Versuche mich von dieser Welt zu lösen, ich wollte hier nicht bleiben in dieser Kälte, in einer Umwelt in der mir nicht geholfen wurde. Da ich immer kränklich war , fiel es nicht sonderlich auf , wenn ich einfach so umkippte. Ich spielte von Jahr zu Jahr mehr Poker , mal mehr mal weniger, ging immer grössere Risiken ein.
Manchmal schlief ich danach mehrere Tage wie im Koma, der Arzt verschrieb mir jediglich kräftigende Mittel , es war ja verständlich dass ich kränkelte. Nie sah er die Spuren der seelischen Vergewaltigung und hinterfragte auch nie, selbst nicht als er mehr erahnte und sah. Er drückte mich lediglich und kümmerte sich um die Mathenachhilfe.
Ich war doch noch so klein
Sportlich wurde ich eine namenswerte Grösse , holte viele Erfolge. Es war die Zeit an der ich anfing meinen Schmerz im sprichwörtlichen Sinn wegzulaufen. Ich lief bis zur Erschöpfung , lief bis ich nur noch meinen Herzschlag im Körper spürte, mein Kopf leergelaufen war, ich nicht mehr denken musste.
In meinen Träumen hatte ich eine liebevolle Familie, die mich erwartete , mich so annahm wie ich war, ich sass bei Ma auf dem Schoss , liess mir mein Haar streicheln und erzählte von meinem Tag , von meinem Erlebnissen von dem Himmel den ich gesehen hatte.
Ich war doch noch so klein

Hinterlasse einen Kommentar